Wallfahrt und Pilgerzeichen
Ein Projekt des Lehrstuhls für Christliche Archäologie, Denkmalkunde und Kulturgeschichte an der Theologischen Fakultät der HU Berlin in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Mittelalterliche Geschichte am Institut für Geschichte und Kunstgeschichte der TU Berlin und dem Museum Europäischer Kulturen - Staatliche Museen zu Berlin / Stiftung Preußischer Kulturbesitz
 

Der folgende Aufsatz erschien zuerst in: Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 77/78, 1998/99, S. 91-120. Der Verfasser erteilte uns freundlicherweise die Genehmigung zur Wiedergabe.


Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 77/78, 1998/99, S. 91.

Johannes Göhler

Die Kapelle "zum Trost" im Moor
Die mittelalterliche Wallfahrt der Norddeutschen zu St. Joost

Am 13. September 1998 trafen sich an der Gemarkungsgrenze zwischen Stinstedt und Odisheim die Einwohner, um eine Gedenkstätte besonderer Art einzuweihen. Nach einem Gottesdienst wurde mitten in einem Hain aus Birklen und Erlen von den Bürgermeistern ein großer Fels enthüllt. Er trägt folgende Inschrift:

Pilgerstätte St. Joost
Hier befand sich im 14. - 16. Jahrhundert eine dem
Heiligen Jodokus geweihte Kapelle.
Pilger aus ganz Norddeutschland suchten sie auf,
um ihrem Schutzpatron für die Errettung aus Gefahren
zu danken und durch den Besuch der Wallfahrtsstätte
Sündenvergebung und Heilung zu erlangen.

Beigefügt ist die Figur eines durch Stab, Mantel, Muschel und Hut als Pilger gekennzeichneten Wanderers, der durch eine zu seinen Füßen stehende Krone als St. Jodokus identifiziert wird und in dieser Gestalt im Ortswappen der Gemeinde Stinstedt steht. An die einstige Kapelle erinnert heute noch der Name des Stinstedter Ortsteils "St. Joost". Was hatte es mit solchen Pilgerfahrten auf sich?
Im Mittelalter begaben sich Menschen aus allen Ständen zur Wallfahrt. Sie suchten die Gräber von Aposteln und Heiligen auf, um dort Sündenvergebung und Heilung von allerlei Leiden zu erhalten. Man erkannte sie an ihrer Kleidung und brachte den Pilgern Achtung und Gastfreundschaft entgegen. Berühmt war die Wallfahrt zum Grab des Apostels Jakobus nach Santiago de Compostela.
Zu den später entstandenen, vor allem regional aufgesuchten Wallfahrtsstätten gehörte die Kapelle St. Joost im Moor zwischen Stinstedt und Odisheim. Wir wissen von ihr durch die Ausgrabungen, die in den Jahren 1924/25 und 1932/33 vorgenommen wurden.(1) Die Ausgräber legten die Fundamente von einer Reihe von Gebäuden frei und sammelten die dabei entdeckten Bodenfunde. Eine recht detaillierte Liste des Kapelleninventars aus dem

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Jahre 1568 blieb erhalten.(2) Die sich über Jahrhunderte erstreckenden Streitigkeiten zwischen den Odisheimern und Stinstedtern über die Rechte an dem zwischen ihnen liegenden Moor, auf dem die Kapelle stand, schlug sich in einigen Archivalien nieder. In Testamenten von Lübecker Bürgern aus der Zeit zwischen 1367 und 1481 wird die Wallfahrtsstätte erwähnt.
Im Folgenden soll versucht werden, aus diesen Angaben ein möglichst schlüssiges Gesamtbild der mittelalterlichen Wallfahrt zu St. Joost zu gewinnen.

Die Pilger des Mittelalters suchten Sündenvergebung, Heilung und spirituelle Stärkung

Die Wallfahrer jener Zeit machten sich auf eine oft Wochen und Monate dauernde Reise, um den Heiligen und ihren Gräbern nahe zu sein. Man näherte sich der Sphäre des Heiligen von ferne, erblickte mit Freude die lange ersehnte Stätte und sprach erste Gebete. Nach dem Erreichen des Pilgerortes und dem Überschreiten der Schwelle der Wallfahrtskirche trat der Pilger vor das mit Bildschmuck versehene Grab. In der direkten Nähe zu den sterblichen Überreste verharrte er lange in Andacht. Vom Verweilen in der gnadenvollen Sphäre, die den Heiligen und seine Reliquie unsichtbar umgab, erhoffte er heilende, segnende Kräfte für sich. Mit wunderbaren Wirkungen konnte gerechnet werden.
Nach der damaligen Anschauung wurde die Verbannung von der Heimat als verdienstvolles Bußwerk verstanden. So konnte man mit der Trennung

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von Familie und Freunden Sühne für ein Vergehen erwerben. Je schwerer die Sünde, desto länger und beschwerlicher mußte die Wallfahrt sein. Bußwallfahrten wurden auch von den Gerichten verhängt.
An seiner Kleidung war der Pilger sogleich erkennbar: Er führte einen langen Stab mit drei Knäufen, um seine Schulter hing an einem Riemen seine Pilgertasche und auf dem Haupt trug er einen breitkrempigen Hut, der hinten tief herabgezogen war und das Regenwasser ableitete. Seine Reisekleidung schützte er mit einen ärmellosen Umhang, der sogenannten Pelerine, vor den Unbilden des Wetters. Seine rechtliche Position war einzigartig. Der Sachsenspiegel kannte vier Gründe, warum ein Mann die zwingend vorgeschriebenen Ladung zum Gerichtstermin straflos versäumen konnte: Als Fälle "echter Not" galten Gefangenschaft, schwere Krankheit und der Reichsdienst für den König. Aber auch "godes denest buten lande" wurde als wirksame Entschuldigung anerkannt.(3)
Die wichtigste Fernwallfahrt war die zum Grab des Apostels Jakobus. Die Pilgerreise führte über die Jakobswege durch Frankreich ins nordspanische Santiago de Compostela. Auf der Heimreise trug der Reisende an seiner Kleidung die Jakobsmuschel, die ihn als Pilger auswies. Dieses Zeichen war so eindeutig, daß der Zeichner des Oldenburger Sachsenspiegels (1336) den Pilger gleich zweimal mit der Muschel abbildet.
Die Pilger schlossen sich zu Reisegemeinschaften zusammen, um unterwegs mehr Sicherheit zu haben und sich in Notfällen helfen zu können. Sie bestärkten sich untereinander in ihren religiösen Zielen und suchten die am Wege gelegenen Kirchen auf, um an den Gräbern von Märtyrern und großen Kirchenmännern zu beten. Unterwegs sang man Pilgerlieder, in denen die "Jakobswege" besungen und die Zurüstungen für die Reise beschrieben wurden.(4) Es wurden regelrechte Pilgerführer herausgegeben, die

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Auskunft über Wege, Herbergen, Eigenart des Landes und über heilige Stätten gaben.(5)
Neben den mehr zufälligen Reisebekanntschaften gab es feste Zusammenschlüsse, die sich Bruderschaften nannten. Die "Jakobs-Brüder" traten füreinander ein, unterstützten die Familien der Brüder im Falle von Invalidität oder Tod und sorgten für priesterliche Gebete an deren Todestag. Sie nahmen Pilger auf der Durchreise auf. Sie rechneten damit, daß der Beschützer der Reisenden und Pilger, St.Jakob sie unterwegs vor Gefahren bewahren würde.
Das hohe Ziel der Reise aber war und blieb die Ankunft am Wallfahrtsort. Auf den langen Wanderung baute sich eine die Menschen innerlich ausfüllende religiöse Spannung, eine intensive Erwartung auf, die sich beim Anblick des Zieles in inbrünstigen Liedern und Gebeten entlud. Endlich angekommen kniete der Pilger demutsvoll vor dem Altar seines Heiligen nieder. Aug in Aug mit dem Bild des Jakobus ließ er aus seinem Herzen die Ängste, Wünsche, Hoffnungen aufsteigen, die ihn bewegten. Als ein getrösteter, verwandelter, geläuterter Mensch kehrte er heim.

Ein bretonischer Prinz verzichtet auf die Krone und wird Einsiedler

Als sich die Sachsen im 4. und 5. Jahrhundert in England ansiedelten und ihre Königreiche gründeten, waren sie von den Briten zur Verteidigung gegen die räuberischen Pikten aus dem Norden gerufen worden. Bald aber kam es zu kriegerischen Konflikten zwischen den romanisierten Briten keltischer Herkunft und den germanischen Übersiedlern. Die unterlegenen Briten zogen sich daraufhin nach Wales, Irland und Cornwall zurück. Kleinere Gruppen von der Themsemündung, von Cornwall und Wales schifften sich über See ein und ließen sich nach und nach in der Bretagne nieder. Weil das Gebiet unwirtlich und nicht besonders dicht besiedelt war, stießen sie auf keinen Widerstand.(6)
In diese Region gelangten vom beginnenden 5. Jahrhundert an irische Mönche, die nach heimischem Brauch kleine Klöster errichteten und unter den Bewohnern missionierten. Die aus Britannien stammenden Herrscher über den nördlichen Teil des Landes mit Namen Dumnonia (französisch: Domnonée) waren um 600 n.Chr. bereits überzeugte, strenggläubige Christen. In anderen Teilen des bretonischen Landes hielt man an der überlieferten keltischen Religion und dem Druidenglauben fest.
Die Bewohner der Halbinsel standen in einem lang andauernden Kampf gegen die Franken, welche die unruhigen, zu Aufständen neigenden Bretonen unterwerfen wollten. Die merowingischen Frankenkönige dieser Jahrhunderte waren zwar zum Christentum übergetreten, hielten sich aber persönlich kaum an die Gebote und die strengen Lebensregeln des neuen Glaubens. So war der zwischen den bretonischen Stammesgruppen immer


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wieder aufbrechende Kampf und der gemeinsame Unabhängigkeitskrieg gegen die Franken ein praktisch immerwährender Zustand.(7)
Der Dumnonen-Herzog Judhael, der bis ca. 605 die Herrschaft ausübte, hinterließ zwei Söhne: Judicael und Jodok. Der ältere Judicael war zwar ein wilder und begeisterter Jäger, entschloß sich aber dennoch zu einem asketischen Leben im Kloster. Nach dem Tode des Vaters übernahm er nur widerwillig die Regentschaft und kämpfte mit kriegerischer Tatkraft gegen fränkische Unterwerfungsversuche. Bezeichnend ist, daß er bei einem Friedensschluß mit dem Frankenkönig Dagobert ein gemeinsames Mahl verweigerte. Judicael wird einem zeitgenössischen Bericht als ein "religiosus" bezeichnet, der "Gott sehr fürchtete", Dagobert dagegen galt wegen seiner Unbußfertigkeit und wegen seines Lebenswandels als schlechter Christ. Der Bretone nahm die Kränkung des Frankenkönigs durch die Verweigerung der Mahlgemeinschaft bewußt in Kauf.
Als nun Judicael der Regentschaft müde war, zog er sich auf Grund der seelsorgerlichen Einwirkung seines väterlichen Freundes, des Abtes Mevennius in das Kloster St. Johannes de Gaelo in der Einsamkeit des Waldes von Brezelian zurück. Er bestimmte seinen jüngeren Bruder Jodok zum Nachfolger. Nach seiner Ansicht war dieser für diese Aufgabe gut geeignet (regere bene posset). Dieser stimmte aber der Entscheidung überhaupt nicht zu (minime assientis) und forderte eine Bedenkzeit von acht Tagen, um eine ihm günstiger erscheinende Regelung herbeizuführen.
Jodok hielt sich zu der Zeit im Kloster Lanmailmon auf, wo ihn die gebildeten Mönche im Lesen und Schreiben unterrichteten und in das Wissen der Zeit einführten.
Bei den irischen Mönchen galt es als besonders verdienstvoll, sich um Christi Willen auf die Wanderschaft zu begeben. Das Verlassen der geliebten Heimat mit ihrer Sprache und Kultur, die völlige Trennung von Familie und Freunden galt als ein hohes Opfer, das dem Reisenden himmlischen Lohn einbrachte und dem Märtyrertum nahe stand. Dies alles war dem jugendlichen Jodok natürlich wohlbekannt.
Als er nun während seiner Bedenkzeit um die rechte Entscheidung rang, trat er eines Tages vor die Tore des Klosters und erblickte dort elf Wanderer in Pilgertracht.(8) Diese Begegnung muß einen starken inneren Impuls bei Jodok ausgelöst haben. Er fragte nach ihrem Reiseziel und erfuhr, daß sie sich nach Rom, zu den Apostelgräbern von Petrus und Paulus aufgemacht hätten. Als er das vernahm, hat Jodok, "der zu der Zeit noch Laie war, ohne irgendwelches Zögern einen Stab in die Hand genommen" und "den Weg gemeinsam mit ihnen zurückgelegt". Es ist wohl kaum ein Zufall zu nennen, daß die frommen Wanderer mit Jodok nun die Zwölf-Zahl vervollständigt hatten. Zwölf war die Zahl der Jünger Jesu. Ihnen wollte Jodok mit seinen Gefährten gleichen und Christus wandernd nachfolgen.
Die östliche Grenze Dumnonias war der kleine Küstenfluß Kosmun. Als die Wanderer ihn überschritten hatten, ist der "Gottesmann Jodok dort durch Scherung der Tonsur zum Kleriker gemacht worden". Er hat damit durch

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Verlassen der Heimat und Übernahme des geistlichen Standes die ihm zugedachte Königsaufgabe endgültig verworfen.
Die Reise führte ihn über Chartres und Amiens in das Küstengebiet Ponthieu nördlich der Somme-Mündung, wo er beim Herzog Haymo gastlich aufgenommen wird. Dieser fand Gefallen an dem vielversprechenden jungen Mann, der seine christliche Überzeugung so ernst nahm und die Führungsaufgabe bei seinen elf Gefährten in so lobenswerter Weise wahrnahm. Auf "Grund eines göttlichen Winkes" hielt Haymo den jungen Jodok von der Weiterreise zurück und entließ segnend seine Gefährten. Am Hof des Herzogs empfing er die noch fehlenden geistlichen Weihen und wurde zum Presbyter der Hofkapelle ordiniert. Er nahm sieben Jahre lang priesterliche Aufgaben wahr und taufte den Sohn Haymos, welcher den Namen Ursinus erhielt. Eine gesicherte Laufbahn als Kleriker schien vor Jodok zu liegen.
Aber Jodok erkannte nach Ablauf der siebenjährigen Frist, daß er zu einer "höheren Weise der Gottesliebe" bestimmt war. Von "Widerwillen erfasst, begehrte er diese Art von Lebenswandel aufzugeben und an einem verborgenen Ort sein Leben zu führen, wo er Gott besser dienen könne." Es verlangte ihn, "einen Wohnort zu finden, wo er mit den Seinen in ruhiger Ordnung beten könne". Mit Zustimmung Haymos sucht und findet er eine Stätte am Fluß Authie, die von allen Seiten von Fließgewässern umgeben ist. Dort erbaute er sich eine seinen Wünschen gemäße Behausung und weihte sein Leben der Anbetung Gottes. Im sog. Wenzelspassional, einer deutschsprachigen Bearbeitung aus der Zeit um 1400 wird das recht anschaulich so umschrieben: "Darnach floh St. Joost der Menschen Lob, ward ein rechter Einsiedel in der wüsten Gegend

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mit Namen Nymatum und diente Gott Tag und Nacht mit Beten, mit Fasten, mit Wachen und viel anderen guten Übungen".(9)
Zu den besonderen Gefährungen des Lebens in einer solchen Einsamkeit gehörte immer auch die Versuchung durch dämonische Mächte. Sie blieb St. Jodokus nicht erspart. Der "gottlose Versucher, der dem ganzen Menschengeschlechtes sein Glück neidet, versuchte seine Seele durch mancherlei Sorgen ins Unglück zu stürzen".(10) Der Ort war durch allerhand böse Geister verseucht. Sein fürstlicher Freund, der Graf Haymo kam ihm zu Hilfe und verhalf ihm zu einem anderen Wohnsitz, an der seine Seele zur Gottesliebe zurückkehren konnte. In der Legenden-Fassung des 8. Jahrhunderts wird St. Jodokus mehrfach als "Athleta Christi" und als "Miles Christi" bezeichnet. Das sind militärische Bezeichnungen, die dem Aufruf des Paulus im Epheserbrief entsprechen, daß Christen mit der Waffenrüstung Gottes gegen die bösen Geister und Mächte der Finsternis kämpfen sollen.(11) Der zum Heiligen gewandelte bretonische Prinz kämpft also nicht um irdischen Gewinn und gegen Fleisch und Blut, sondern gegen den Versucher und seine dunklen Mächte. Ein Kämpfer des Gebetes in der Einsamkeit des Waldes.
Allerhand wunderbare Ereignisse bestätigen nun, daß der Ortswechsel und sein Glaubenskampf dem göttlichen Willen entsprach. "Es begab sich nämlich, daß der Gottesmann es erreichte, daß die Vögel und verschiedene Arten von Fischen sich an seine Hand gewöhnten und gleichermaßen zu handzahmen Haustieren heranwuchsen."(12)
Um das Leben des St. Jodokus - so wollen wir ihn nun nennen - ranken sich einige Erzählungen, die Teil seiner Heiligenlegende wurden. Die bekannteste ist die von der Brotverteilung. Nacheinander kamen Bettler an die Tür seiner Behausung, weil sie Hunger litten. Jodokus ließ ein Brot mehrfach teilen, bis auch das letzte Stück weggegeben war. Als sein Gefährte Vurmar sagte, sie hätten nun selbst nichts mehr, um ihr Leben zu erhalten, sagte der Heilige Mann: "Sorg dich nicht um Essen und Trinken. Gib und es wird dir gegeben. Noch heute kann der Spender aller Güter alles wieder gut machen". So gab Vurmar - von diesem Glauben überwunden - dem bittenden Armen, was von dem Brot übrig war.(13)
Die Zuversicht des St. Jodokus wurde nicht enttäuscht. Bald darauf kamen vier Schiffe in die Bucht, an der ihre Wohnung lag, gefahren und gaben ihnen genug Speise und Trank.
St. Jodokus reiste nun nach Rom zu den Apostelgräbern und kehrte mit einem großen Schatz von Reliquien in die Ponthieu zurück. Wo sie niederlegt wurden, ließ Graf Haymo eine Steinkirche zu Ehren St.Martins errichten.(14) Zuvor waren die Bethäuser der beiden Einsiedler aus Holz gebaut gewesen.
In der Martins-Kirchee wurde der Heilige nach seinem Tod in der "Cella St.Judoci" bestattet. Sie wird der Kern eines Klosters. Es steht fest, daß niemand anderes als Karl d.Gr. seinen priesterlichen Berater Alcuin an der "Cella St.Judoci ad eleemosynam exhibendam peregrinis" im Jahre 792 als Abt einsetzte.(15) Am Grab des Jodokus erhielten demnach die eintreffenden Pilger ein Almosen. Von Wallfahrten zur Cella St.Judoci wird vom 11. bis zum 13.

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Jahrhundert recht selten, dann immer häufiger berichtet. Wegen der wachsenden Bedeutung des Heiligen wird der Ort später "St.Josse-sur-mer" genannt.
St. Jodokus gehörte sicher nicht zu den "großen" Heiligen, deren Ansehen in der ganzen Kirche geehrt wurde. Ihm fehlte die Märtyrer-Krone, die dem Apostel der Stadt Paris, St.Dionysius so eindrucksvoll zuteil geworden war. Er ist nicht mit Martin von Tours zu vergleichen, der die Kirche Galliens prägte. Auch die geistliche Autorität, die St.Bonifatius verkörperte, fehlte ihm. Kein Brief, keine Schrift von ihm blieb erhalten.
St. Jodokus ist der Heilige des Verzichtes, der Selbstaufgabe: Er nimmt die ihm übertragene Aufgabe als Herrscher der Bretonen nicht an, er verläßt die Heimat und ahmt mit seinen Gefährten die 12 Jünger Jesu nach, die auch ihre Familien verließen. Als er eine sichere Pfründe als Priester und Kapellan des Grafen Haymo erlangt hat, gibt er um der Liebe Gottes willen diese angesehene Stellung auf und wird zum Einsiedler in einem abgelegenen Wald.
Frühe St. Jodokus-Kapellen und Kirche finden sich vor allem im nördlichen Frankreich. Seine Verehrung spricht naturgemäß vor allem Mönche an, deren Lebensentwurf ja auch durch den asketischen Verzicht geprägt ist. Durch die Gebetsbruderschaften der Klöster wird seine Verehrung in ganz Europa verbreitet. Schon im 9. Jahrhundert wurde ihm in Prüm in der Eifel eine Kirche geweiht. Mittelpunkt seines Kultes wurde vom 11. Jahrhundert an Walberberg bei Bonn. Hier ruhen seine Gebeine in einer zweigeschossigen Kapelle, die im 13. Jahrhundert an die St.Walburgis-Kirche angebaut wurde. Weitere Kirchen und Kapellen mit seinem Namen finden sich im Moselgebiet, in Franken und der Schweiz.
Was hat nun St. Jodokus für Menschen außerhalb der Klostermauern anziehend gemacht? Im deutschsprachigen Raum ist an erster Stelle sein Patronat über Siechenhäuser und Hospitäler zu nennen. Das Siechenpatronat des St. Joost ist aus den frühen Berichten über sein Leben nicht schlüssig abzuleiten. Daß St. Joost-Kapellen für die Aufnahme von Kranken gegründet wurden, ist eine Vorstellung, die nur im deutschen Sprachraum vorkommt und in den zahlreichen Stätten des St.Josse-Kultes in Frankreich und Flandern völlig fehlt. Als Patron der Siechen galt im Mittelalter unter anderem der alttestamentliche Dulder Hiob, der eine schwere Lepra-Krankheit als Glaubensprüfung auferlegt bekam. Er wurde im Mittelalter allgemein als "Job" bezeichnet. Der Feiertag des Jodokus, der 13.Dezember hieß auch "Jobsdag". Die sprachliche Annäherung des Namens der beiden so verschiedenen Persönlichkeiten führte letzten Endes zur Gründung zahlreicher Spitäler und der Erbauung der Gast- und Siechenhäuser bei der St. Joost-Kapelle zwischen Odisheim und Stinstedt.(16)
Die Übernahme des Patronats über zahlreiche Siechenhäuser im deutschsprachigen Raum drückt sich auch darin aus, daß im Wenzelspassional die Krankenheilung durch St. Jodokus eine überragend wichtige Rolle spielt. Die Auffindung seiner Reliquie in der um 1400 in Nürnberg aufgezeichneten Legendenfassung wird recht volltönend so geschildert:

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"Da waren sy gar fro und samelten die pfaffen ze samen / vnd erhueben Sant Jost mit ehren auß dem grab und saczten in auff sant martins altar mit grossem lobgesang / und vil brynnenden kerczen / und opferten ihm grosse gab /vnd dye menschen sprungen vor froeden / vnd offenbart der almechtig gott seyn heyligkeit / den menschen tzue trost die ihn lieb hetten / vnd tet vil zeichen durch syenen lyeben dyener. Die blynden wurden gesehent / dye stummen redent / die tauben gehörent / die krummen gerecht / vnd sunst vil ander syechen wurdent gesunt von maenigerley siechtum die sy hetten."(17)
Aus dem in allen Legendenfassung wiederkehrenden Bericht von der Brotverteilung des St. Jodokus leitete sich die Vorstellung ab, der Heilige stehe hungrigen Wanderern bei. Wie erwähnt wird seine "Cella" schon zur Zeit Karl des Großen mit einer Almosenverteilung in Verbindung gebracht. Viele Darstellungen des späten Mittelalters zeigen den Heiligen mit einem Brot, das er hoch erhoben in der Hand hält. In Husum hat es zu Beginn des 16. Jahrhunderts einen St. Joost geweihten Altar gegeben, der von der Bäckerzunft gestiftet war. Die Zunft hatte ein Siegel, auf dem St. Joost mit zwei Broten dargestellt war.(18)
Am häufigsten aber wird St. Jodokus als Pilger dargestellt. Nun hat er wohl im Laufe seines Lebens eine Pilgerfahrt von seiner bretonischen Heimat in das nordöstliche Ponthieu und später nach Rom unternommen, charakterisierend ist aber eher sein Leben als Einsiedler gewesen. Sein Patronat über die Pilger ist vielmehr davon abzuleiten, daß man zur "Cella St.Jodoci" schon früh Pilgerfahrten unternommen hat. Auch St.Jakobus wird stets als Pilger abgebildet, weil man zu seinem Grab in Santiago de Compostela Wallfahrten unternommen hat.

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Für die Verbreitung der St. Jodokus-Verehrung entlang der Küste ist aber wohl besonders wichtig gewesen, daß er Seefahrern im Sturm beisteht. In einem Martyrologium der Abtei Prüm (Eifel) aus der Mitte des 9. Jahrhunderts heißt es, "der Priester Judoch und ebenso andere Auserwählte ließen die Stürme des Meeres zurückweichen".(19) Es war damals gängige Überzeugung, daß Seestürme auf dämonische Einflüsse zurückgingen. Sie wüteten besonders heftig, wenn hochstehende geistliche Personen auf wichtigen kirchlichen oder missionarischen Reisen waren. Solche "priesterlichen Auserwählten" konnten die Stürme aber auch durch Gebete und Segensgesten stillen.(20) Jost Trier vermutet, man könne sich die Entstehung des Sturmpatronats am natürlichsten in St.Josse-sur-mer" selbst denken, "wo wohl die Mönche manchmal Ursache haben mochten, ihren Heiligen gegen Stürme und die Gefahren der Seefahrt anzurufen. Schiffahrt auf der unteren Canche betrieben sie gewiß".
St. Jodokus als Beschützer der von Stürmen bedrohten Seefahrer wird besonders die Küstenbewohner angesprochen haben. Die früheste Verbindung zu diesem Lebenskreis geht aus einem Lübecker Testament von 1367 hervor, in dem Bernd Coßveldt bestimmt, daß nach seinem Tode ein Stellvertreter für ihn nach St. Joost reisen soll.(21) Viele weitere testamentarische Verfügung von Lübeckern folgen. Ein spätes Zentrum der St. Joost-Frömmigkeit muß das Jeverland gewesen sein.(22) Frouwa, Gattin des Häuptlings Edo Wiemken zu Jever läßt am 18.Oktober 1497 "Sante Joest" mit einem Erbteil in ihr Testament aufnehmen. Die seefahrenden Friesen dieser Region stellten sich sicher gern unter seinen Schutz. Gegründet wurde die Kapelle in Honsdep durch einen Junker von Hodens, der sie nach einer Rückkehr von einer Wallfahrt nach Santiago de Compostela dem St. Jodokus als dem Patron der Wallfahrer und Schiffer widmete. Als Erbauungsjahr eines flachgedeckten Saalbaues ohne Chor, Apsis und Turm wird das Jahr 1513 genannt. Die ansässigen Schiffer sollen an ihrer Errichtung tat- und zahlkräftig Anteil gehabt haben.(23) Die Kapelle hieß 1542 noch "Sant Joost up Honsdep". Noch im 16. Jahrhundert ließ Fräulein Maria von Jever (1500 - 1573) eine Reihe von Talern prägen, die "Jodokus-Thaler" genannt wurden.(24)
So hat sich im Laufe von vielen Jahrhunderten das Bild des St. Jodokus vom zurückgezogen dem Gebet lebenden Einsiedler zum Beschützer von Pilgern und Schiffern und zum Patron von Siechenhäusern gewandelt.

Das Geheimnis der Moorkapelle St. Joost und ihre Gründung

Die Entstehung der St. Joost-Kapelle im Moor zwischen Odisheim und Stinstedt ist von einem Geheimnis umgeben. Es ist schwer zu erklären, warum man an einem so abgelegenen Ort ein Kirchlein errichtet hat. Immerhin konnten die Besucher nur über einen Bohlenweg von der Stinstedter Geest aus zur St. Joost-Kapelle gelangen. Der Erbauung der Gebäude mußte eine aufwendige Pfahlgründung vorausgehen. Hätte man die Kapelle

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nur eine einzige Meile südlicher in dem heute St. Joost genannten Ortsteil von Stinstedt auf Sand gebaut, wäre das alles nicht nötig gewesen.
Alle verwendeten Baumaterialien mußten von weit her herangeschafft und teuer bezahlt werden. Das gilt für die gewaltigen Baumstämme für die Pfahlgründung, die Ziegel im Klosterformat, die Fenster aus farbigem Glas, die Dacheindeckung aus Pfannen im Format "Nonne und Mönch".(25)
Es bleibt also schwer zu erklären: Warum wurde die Kapelle für St. Joost gerade hier erbaut? Die Sage erzählt, ein reicher Kaufmann habe sich mit seinem Gefolge in einer unwirtlichen Herbstnacht im Moor verirrt. In seiner Verzweiflung habe er folgendes Gelöbnis abgelegt: Sollte er gerettet werden, so werde er an dieser Stelle eine Kapelle bauen. Er übernachtete an Ort und Stelle, sah am Morgen die Häuser von Stinstedt liegen und hielt sein Versprechen. Die von ihm erbaute Kapelle wurde St. Jodokus, dem Beschützer der Pilger und Reisenden geweiht.(26)
Was immer an Wahrheit in dieser Erzählung enthalten sein mag, sie unterstreicht jedenfalls das Eine: Nicht Zweckmäßigkeit und kühle Planung waren der Grund für die Erbauung der Kapelle an dieser Stelle. Der Gründer gehorchte einem göttlichen Auftrag, einem himmlischen Fingerzeig. Man könnte an Jakob, den Ahnherrn Israels erinnern, der bei einer Übernachtung im Freien eine Himmelsleiter träumte und am Morgen einen Stein aufrichtete und mit Öl salbte. Die Kapelle von St. Joost wurde nach der Überzeugung ihrer Gründer hier erbaut, weil sie ein Gelöbnis wortwörtlich erfüllen und damit einem göttlichen Gebot gehorchen wollten. Jakob sagte nach den Erfahrungen der Nacht: "Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels"(27) Eine intensive Erfahrung von der Heiligkeit dieses Ortes ließ auch die Gründer von St. Joost handeln. Es mag sein, daß es uns Heutigen schwer fällt, das einzusehen. Aber so war es wohl.
Dazu passt, daß sich das Ziel der Wallfahrten im späten Mittelalter änderte. Man suchte nun nicht mehr überwiegend die weit entfernt liegenden Gräber der Heiligen auf, sondern "fühlte sich angezogen durch Orte, die der Himmel zum Schauplatz seines wunderbaren Eingreifens in den gewohnten Gang der Dinge gewählt hatte".(28) Diese Gnadenorte fanden sich vor allem auf dem Lande. In Ostfriesland wurden nach Oldekloster Wallfahrten unternommen. Sie galten einem wundertätigen Marienbild, das seit 1420 Pilger anzog, Heilungswunder bewirkte und reiche Geschenke erhielt.(29) Großer Andrang von wundergläubigen Pilgern herrschte an Kirche von Wilsnack im Havelland, wo im Jahre 1383 eine blutende Hostie entdeckt worden war. Das Mirakel sollte die katholische Lehre von der Verwandlung des Brot ins den Leib Christi bei der Messe bestätigen.(30)
Auf ähnliche Weise muss auch das abgelegene St. Joost im südlichen Land Hadeln zum Gnadenort geworden sein.
Die Gründer mögen die Kapelle um so lieber ins Moor gebaut haben, weil St. Jodokus ein Freund der Einsamkeit war. In der Abgeschiedenheit einer Klause fern von menschlichen Ansiedlungen war er Gott nahe gewesen. Es

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mußte ihm recht sein, wenn man ihn an einem Ort ehrte, der fern vom Treiben der Welt lag und viel Zeit für ungestörte Gebete ließ.

Die Kapelle "tho dem Troste" versprach ein ruhiges Gewissen und seliges Sterben

Zum Gelände der St. Joost-Kapelle gehörten noch drei weitere Gebäude, die etwa 40 m nördlich von dem Kirchlein lagen, eine Art Kette bildeten und untereinander einen Abstand von je 8-10 m einhielten. Sie werden erst nach und nach erbaut worden sein. Die Größe und Lage konnte in den Grabungen aus den 1920er und 1930er Jahren erschlossen werden. Die Kapelle hat es im Jahre 1367 bei der erstmaligen Nennung des Ortes in einem Lübecker Testament auf jeden Fall schon gegeben. Eine Fundmünze, der "Witten von Malmö" ist auf die Zeit von 1439-1448 zu datieren.(31) Als Papst Sixtus IV. im Jahre 1481 eine auf Pergament geschriebene und mit Siegeln versehene Urkunde für St. Joost ausstellte, wird der Wallfahrtsort bereits allgemein bekannt gewesen sein und hohes Ansehen genossen haben.(32) Die päpstliche Urkunde wird sich weniger auf die Gründung der Kapelle bezogen, als ihr das Privileg einer kirchlich anerkannten Pilgerstätte gewährt haben.(33) Dazu gehörte insbesondere das Recht, den Besuchern Pilgerzeichen zu verkaufen. Man kann also das 15. Jahrhundert als eine ausgesprochene Blütezeit für St. Joost bezeichnen.
> Die Kapelle hatte keinen nennenswerten Grundbesitz, konnte auch keine Zehntrechte und Abgaben einfordern. Es gab kein Kirchspiel, dessen Einwohner dem Priester abgabepflichtig waren. Kirchenrechtlich stellte sie einen absoluten Sonderfall dar. Konsequenterweise kommt St. Joost auch in dem sog. Stader Copiar von 1420, in dem alle zum Erzbistum gehörenden Kirchen und Kapellen sorgsam verzeichnet sind, überhaupt nicht vor.
Daß die Kapelle St. Joost trotz dieses Mangels an regulären Einnahmen im späten Mittelalter so gut ausgestattet war, kann nur aus der großen Zahl und Opferwilligkeit der Pilger erklärt werden, die sich zu ihr auf den Weg machten. Sie lebte einzig und allein von ihren Spenden. Im Jahre 1486 bestimmt Lorenz Utryder aus Lübeck, daß der von ihm für redlichen Lohn entsandte Stellvertreter-Pilger 11 Pfund Wachs "to sunte Joste" bringen soll. Das Wachs war für die Herstellung von Altarkerzen bestimmt. Ein Garbereiter Hermann Beke - ebenfalls aus Lübeck - gibt 1484 eine Mark "tom Buete". Das Geld war also für Neubauvorhaben oder Reparaturen bestimmt.(34)
Eine Inventarliste von 1568 zählt eine große Zahl von wertvollen Gegenständen auf, die als "Sanct Jostes Opfer" in der Kapelle aufbewahrt wurden. Darunter ein vergoldeter Kelch, den der Hamburger Bürger Diedrich Hoppenstede und seine Frau Söffeke zur "Ehre St. Joostes" stifteten (vgl. Abb. 5 u. 6).(35) Die Stiftung wird im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts erfolgt sein. Noch "Anno Domini 1523" ließ Caspar Wiltschuffe ein 36 Lot schweres, großes Silberkreuz auch im Namen seiner Helfer anfertigen. Es stand wohl noch 25 Jahre auf dem Altar der Kapelle. Von Erzbischof Christoph zu Bremen,

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"hochlöblichen Gedechtnusses", war der Kapelle ein massiv goldener Ring mit einem blauen Saphir vermacht worden.(36)
Diese Aufzählung stellt natürlich nur einen kleinen Teil der tatsächlich erfolgten Spenden und Stiftungen dar. Was veranlaßte all diese Pilger und Erblasser, solche doch recht kostbaren Opfergaben der Kapelle St. Joost zu schenken?
Es handelt sich überwiegend um Dankgeschenke, die ein in Not geratener Mensch dem Heiligen zugesagt hatte. Solche Gelöbnisse kamen im Spätmittelalter recht spontan zustande. Als den jungen Martin Luther 1503 bei Erfurt fast ein Blitz getroffen hätte, schrie er auf: "Hilff du, S.Anna, ich will ein monch werden." Für die Errettung aus einer Not wurde eine Dankesgabe gelobt. Man stiftete dann einer Kirche oder einem Kloster einen Sakralgegenstand. Zumeist aber gelobte man eine Wallfahrt zum Ort oder Bild des angerufenen Heiligen. Die Wohltaten der Heiligen mußten mit Gaben oder Taten vergolten werden.(37)
Von den Lübecker Testamenten wissen wir, daß Almosen und Meßstipendien ähnlich wie die Pilgerreisen dem Trost und der Seligkeit des Erblassers dienen sollten. Eine Pilgerschaft nach Rom durch einen armen aber frommen Priester hatte zum Ziel "vmme Trost myner Selen to vorwerbende".(38) Oft lösten die Bürger damit eine vor Jahren, vielleicht sogar vor Jahrzehnten eingegangene Schuld oder ein dem Heiligen gegebenes Gelöbnis ab. Es war damals selbstverständlich, daß dies auch durch einen Pilger geleistet werden konnte, der stellvertretend die Buße erbrachte und das Gebet sprach. So hatten die Brüder Peter und Hartwige Brand eine Fahrt nach Santiago gelobt. 1435 ordnet Peter an, es sollten zwei Pilger entsandt werden, einer für seinen Bruder, einer für ihn "de wy gelouwet hebben vnd noch schuldig sin to holdende". Ein anderer Fall: "Im Seesturm gelobten Hinrich Warmbeken und die ganze Schiffsbesatzung Wallfahrten nach Wilsnack und Santiago. Später wurde gelost, wer stellvertretend für die Ge-

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meinschaft das Gelübde einlösen sollten. Das Los fiel auf Hinrik, der die Pilgerschaft durchführte".(39) Oft wird erwartet, daß die von der Pilgerfahrt erwarteten Gnaden beiden Eheleuten und ihren Kindern zugute kommen sollten. Es geht im Grunde in einem umfassenden Sinn um das Heil für den einzelnen und sein ganzes Geschlecht.
Der Begriff "Trost" in einem umfassenden, tieferen Sinn bedeutete damals, daß ein Mensch angesichts seiner Sündenschuld, mit uneingelösten Gelöbnissen nicht vor den ewigen Richter treten wollte, sondern befreit, also "getröstet" sein Lebensende erwarten konnte. "Trost" ist ein Schlüsselbegriff jener Zeit und hat mit dem heute so verstandenen "vertrösten, beschwichtigen" wenig zu tun. Das damals geltende, umfassende Verständnis von "Trost" spiegelt sich 1563 noch im "Heidelberger Katechismus" der Reformierten Kirche der Kurpfalz. Die programmatische Frage 1 heißt: "Was ist dein einiger Trost im Leben und Sterben?"(40) Die Antwort ist, daß im Leben und Sterben nur Christus Heil und Erlösung bringt. Auch hier geht es um ein getröstetes, heilsgewisses Leben und Sterben.
Daß von dem Besuch des Gnadenbildes in der Moorkapelle "Trost" ausgehe, war damals eine so allgemeine Überzeugung, daß in einem Protokoll des Jahres 1475 zunächst korrekt angegeben wird, die "Kapelle to Sünte Jostes" stehe auf einem vier Morgen großen Acker des Johann Schulte aus Odisheim, er habe sie "dem Heiligen frey gehalten". Und dann wird das Kirchlein zwei mal als "Kapelle tho dem troste" bezeichnet.(41) Der Gedanke, daß man hier Trost finde könne, muß zusammen mit dem ähnlichen Wortklang von "Sanct Joost" so stark gewesen sein,(42) daß man sie volkstümlich als "Kapelle des Trostes" bezeichnet hat.(43)
In dem bereits angeführten "Wenzelspassional" eines Nürnberger Autors um 1400 wird von der Auffindung der Gebeine des Heiligen Jodokus gesagt: "Da waren sy gar fro ... vnd dye menschen sprungen vor froeden / vnd offenbart der almechtig gott seyn heyligkeit / den menschen tzue trost die ihn lieb hetten".(44)
Wo Gott seine Heiligkeit offenbart, ist also Trost nicht fern. Das galt natürlich auch für die Kapelle im Moor. Ihrem sagenhaften Gründer, der hier in Lebensgefahr die Nacht verbracht hatte, hatte St. Joost in seiner Angst ja auch Trost gebracht.
Die Stifter der liturgischen Geräte suchten hier also Trost und Heilsgewißheit. Wenn allerdings Caspar Wiltschuffe das Silberkreuz dem Altar der Kapelle auch im Namen "siner mede hülpers" widmet, kann es nicht nur um das Seelenheil eines Einzelnen gegangen sein.(45) Vielmehr wird damit angedeutet, daß eine Reisegruppe oder Schiffsbesatzung den Betrag aufgebracht hatte. Sie hatten den St. Jodokus als Beschützer der Reisenden in einer bedrohlichen Gefahr angerufen und ihm Dank gelobt. Das Kreuz war ihre "Opfergabe" für die Errettung aus Seenot oder die sichere Heimkehr nach einer gefahrvollen Reise.
Aus welchem Grund der kriegerische und machtbewußte Erzbischof Christoph, der von 1511-1558 das Erzstift regierte, der Kapelle den Goldring mit Saphir schenkte, kann nur vermutet werden. Immerhin war St.

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Jodokus derjenige der Heiligen, welcher der weltlichen Macht und dem ererbten königlichen Rang entsagt und sich für ein Leben als Einsiedler entschieden hatte. Christophs Regentschaft brachte den Bewohnern des Landes Wursten viel Not und schwere Zeiten. Er selbst lebte nicht so untadelig, wie es seinem hohen geistlichen Rang entsprochen hätte. So warfen ihm 1539 die bremischen Stände in Verden vor,er halte Beischläferinnen in Verden, Rotenburg und Vörde, verlange aber von den Geistlichen seines Sprengels strenge Zucht.(46) So mag er sich durch eine demütige Pilgerschaft ins Moor nach St. Joost und durch das kostbare Geschenk des Bischofsringes von einer sein Gewissen drückenden Schuld gereinigt haben.

Wer Heilung körperlicher Leiden erfuhr, stifte der Kapelle eine Votivgabe

Wer aus Stinstedt kommend die Moorkapelle besuchte, hatte einen langen, beschwerlichen Fußweg hinter sich. Betrat nun der Pilger erwartungsvoll das mit einem Turm versehene Kirchlein, so erkannte er im Halbdunkel des Raumes einen prächtigen, mit einer roten Samtdecke und brennenden Kerzen auf kostbaren Leuchtern ausgestatteten Altar. Eine aus Holz gefertigte Kreuzigungsgruppe war hoch unter der Decke auf einem Querbalken angebracht, an der Wand ein ebenfalls aus Holz geschnitzter Kruzifixus. Das Leiden des Heilandes war sichtbar gegenwärtig und schloß das Leiden der Menschen stellvertretend mit ein. Eine lebensgroße Figur des St. Joost zog die Blicke auf sich. Er trug ein Gewand aus schwarzem Samt, die daraus ragenden Arme waren ganz versilbert. Auf dem Haupt trug er eine silberne Krone, die außen ganz vergoldet und mit fünf großen Edelsteinen geziert war. In seiner rechten Hand führte er den Pilgerstab, der aus Silber gefertigt war. Arm und Hand auf seiner Linken umschlossen eine silberne Kapelle mit einem kleinen Turm.(47) Der Anblick muß auch für erfahrene und kundige Reisende eindrucksvoll gewesen sein.
An der Gestalt des Heiligen waren nun viele aus Silber gefertigte Anhänger angebracht. Auch mit kleinen Bildern von heiligen Männer und Frauen war er versehen. Insgesamt waren 89 silberne Gegenstände an der Figur befestigt. Welchen Sinn hatten diese wertvollen Opfergaben?
Schon in den ältesten Zeiten haben die Besucher von Wallfahrtsstätten und Kultorten den von ihnen verehrten Göttern oder Heiligen Weihegeschenke mitgebracht, die vor Ort niedergelegt wurden. Dieser vorchristliche Brauch lebte wieder auf, als seit dem 5. Jahrhundert christliche Pilger zu den großen Anbetungsstätten zogen und nach erlangter Heilung von Leiden und Krankheiten dort Geschenke darbrachten. Weil diese Objekte oft auf Grund eines Gelöbnisses, d.h. ex voto, gestiftet wurden, nennt man sie auch Votivgaben.
Als Votivgaben kamen alle möglichen Gegenstände in Betracht, die in irgendeiner Beziehung zu der erlangten Heilung oder Errettung aus einer anderen Not standen. Besonders gern aber wurden goldene und silberne Nachbildungen von den gesundeten Körperteilen in den Kirchen aufge-

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hängt.(48) Die figürlichen Nachbildungen von Personen oder ihren Gliedern illustrierten die Heilung. Sie stellten auch eine "sprechende" Dankesgabe dar.(49) Man legte diese Gaben an den Kultorten aus einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit nieder und hoffte, die höheren Mächte würden mit ihrem Schutz und ihren heilenden Segensmächten die Stifter auch weiterhin begleiten.
Das 1568 gefertigte Inventar der für St. Joost geopferten Gegenstände zählt zunächst die Objekte auf, die direkt an der St. Jodokus-Figur befestigt waren. Es handelte sich um vier vergoldete Füße, zwei halbvergoldete Fische, fünf keine und große vergoldete Beine, 13 kleine und große silberne Hände, vier vergoldete Hände, sieben silberne Gegenstände mit weiblichen Brüsten, zwei silberne Anhänger mit langen Haaren und eine silberne Hand. Auf einem silbernen Anhänger waren zwei Hände, auf zwei weiteren ein Haus eingraviert. Es gab zwei Silberschalen mit Löffeln ohne Stil, ein kleines silbernes Schiff, einen kleinen vergoldeten Adler und einen Anhänger mit Wappen.
Auch an der roten Samtdecke auf dem Altar waren solche Gegenstände befestigt. Dazu gehörte ein großes Silberkreuz, achtzehn große und kleine Silberbleche mit eingravierten Menschenherzen, eine silberne Hand, eine silberne Glocke, ein Silberring mit Edelstein und ein ganz aus Gold gefertigter Ring mit Edelsteinen und einem blauen Saphir. Als Silberstich war eine große Blechtafel mit dem Bild des St.Jakobus und einer Kirche vorhanden, außerdem 10 kleinere Täfelchen mit Heiligenbildern.
Es handelt sich zum überwiegenden Teil ganz ohne Zweifel um Weihegeschenke. Die Füße, Beine und Hände weisen auf Lähmungen und Verkrüppelungen an den entsprechenden Gliedern hin. Die weiblichen Brüste lassen auf Frauenleiden schließen, die Anhänger mit den Haaren sollten den Dank für die Heilung vom Haarausfall dokumentieren.
Eines ist völlig klar: Nicht wenige St. Joost-Pilger haben hier Heilung von ihren Leiden erfahren und konnten dankbar und froh heimkehren. Sie werden die frohe Kunde verbreitet und andere ermutigt haben, auch zur Kapelle zu pilgern.
Willy Klenck, der Ausgräber von St. Joost in den Jahren 1932 und 1993 legte die aus riesigen Holzpfählen und darauf lagernden Fundamente von Häusern frei, die neben der Kapelle und dem Priesterhaus standen. Er fragte sich, welchen Sinn sie gehabt haben könnten und warum sie so auffällig groß waren. Nach seiner wohlbegründeten Ansicht waren es "Gaststätten und Siechenhäuser"(50) Die Kranken kamen in Begleitung von Verwandten und Freunden und konnten hier ohne weiteres längere Zeit verweilen, bis sie durch die von dem Wallfahrtsort ausgehenden Heilungswirkungen wieder gesund geworden waren.
Die seelsorgerliche Versorgung der Kranke und der anderen Besucher muß sehr intensiv gewesen sein. Sie legten vor dem Priester die Beichte ab und nahmen an den Messen teil, die regelmäßig gefeiert wurden. Die Kapelle besaß insgesamt acht sicherlich schön geschriebene und prachtvoll gebundene Missal-Bücher, was für ein solches Kirchlein eine sehr ansehnliche liturgische Bibliothek darstellte. Zum Besitz gehörte auch eine großes Buch mit fertig

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ausgearbeiteten Predigten für die Feiertage des Kirchenjahres und die Heiligenfeste.(51) Es sind also auch regelmäßig Predigten gehalten worden, was in den umliegenden Dorfkirchen seltener vorkam. So war St. Joost ein geistliches Zentrum für die ganze Region.
Nicht alle, die hier um Genesung nachsuchten, wurden auch gesund. Wer seinen leiden erlag, wurde vom Priester mit den Sterbesakramenten versorgt. Für die in St. Joost Verstorbenen gab es einen eigenen Friedhof. Arbeiter fanden in Kapellennähe einen kistenförmigen Sarg, daneben einen Baumsarg. Die Deckel waren mit Holznägeln befestigt. In der Nähe der anderen Gebäude wurden nebeneinander drei Särge in Kistenform gefunden, die allerdings leer waren.(52) Da nach dem Kirchenrecht alle Toten auf dem Begräbnisplatz der zuständigen Parochialkirche beerdigt werden mußten, werden die St. Joost-Kapelle und ihre ständigen und zeitweiligen Bewohner als eigenständiger Kirchenbezirk gegolten haben. Diese kirchenrechtliche Ausnahmestellung wurde sicher durch das von Papst Sixtus VI. im Jahre 1481 verliehene Privileg, dessen genauen Inhalt wir leider nicht kennen, bestätigt.(53)

Der Erwerb eines Pilgerzeichen bewies rechtsgültig, daß die Wallfahrt wirklich durchgeführt worden war

Die große regionale Bedeutung von St. Joost als Wallfahrtsort ist erst in jüngster Zeit erkannt worden. Das eigentliche Zentrum der St. Jodokus-Verehrung war ja die von ihm gegründete Einsiedelei "Cella St.Jodoki" in der nordfranzösischen Picardie. Im späten Mittelalter steigt "St.Josse-sur-mer" in den Kreis der angesehenen Wallfahrtsorte auf. Besonders die Herzöge von Burgund pflegten das in ihrer Herrschaft liegende Heiligtum.
Kennzeichen solcher Wallfahrten sind die sogenannten Pilgerzeichen. Es handelt sich um kleine, aus einer Blei-Zinn-Legierung gegossene Figuren mit dem Bild des Heiligen, die nach erfolgter Wallfahrt an der Kleidung getragen wurden.(54) Diese Zeichen hatten rechtsfähigen Charakter und bewiesen, daß die Wallfahrt tatsächlich durchgeführt worden war. Die Pilgerzeichen bedeuteten den mittelalterlichen Wallfahrern weit mehr als ein Souvenir, sie galten als Kontakt-Reliquien und wurden damit zu transportablen Verkörperungen der Heiltümer des Gnadenortes.(55) Nur bestimmte, kirchlich anerkannte Orte durften solche Wallfahrtszeichen verkaufen. Sie stiegen durch dieses Privileg, das vom Papst verliehen wurde, in den kleinen Kreis der Wallfahrtsorte auf.(56)
Nun fand sich bei Ausgrabungen beim früheren Fischmarkt von Konstanz ein Pilgerzeichen, das auf die 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert werden konnte. Die dargestellte Person ist St. Jodokus, der ein knöchellanges Gewand trägt, mit der Pilgertasche und Stab versehen ist und ein Brot in der Hand hält. Vom Arm hängt ein Rosenkranz herab. Eine oben angebrachte Öse diente der Befestigung am Gewand des Pilgers. Entsprechende Zeichen

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wurden in den Niederlanden gefunden. Bei drei Exemplaren ist die Inschrift "S:IOSSE" gut zu lesen.
Bei Flußregulierungen in der Weser wurden auch bei Bremen drei Pilgerzeichen entdeckt, die einen Heiligen mit ähnlichen Attributen zeigen. Eines davon gleicht dem Abzeichen, wie es in Konstanz und den Niederlanden entdeckt wurde. Bei den beiden anderen lautet im Unterschied zu den oben beschrieben hier die Inschrift "IODOK". Das bei unserem St. Joost gefundene, inzwischen aber verlorengegangene Pilgerzeichen, glich ihm den letzteren auffallend. Verläßliche Angaben über das St. Jooster Pilgerzeichen sind möglich, weil ein von Klenck aufgenommenes Foto von guter Qualität im Lamstedter Bördemuseum erhalten geblieben ist.(57) Wir können also von zwei deutlich unterschiedenen Formen von Pilgerzeichen sprechen: Die Figuren mit der französischen Namensform "St.Josse" waren großräumig von Konstanz bis in die Niederlande verbreitet. Der Heilige trägt hier außer den Pilgerattributen noch einen Rosenkranz.
Im Elbe-Weser-Raum und in Bremen lautet die Namensform lateinisch "Jodokus". Der Rosenkranz fehlt, in der Hand trägt der Heilige einen rechteckigen Gegenstand, wohl ein Brot. Unter dem Umhang führt Jodokus auf der rechten Seite eine Tasche, die mit einem kräftigen Riemen über der linken Schulter befestigt ist. In einem der sehr gut erhaltenen Bremer Exemplare ist eine zu Füßen stehende Krone zu erkennen, die sich auch in dem St. Jooster Zeichen findet. Das zweiter Bremer Pilgerzeichen ist ohne Krone, diese wird aber durch irgendwelche Einwirkungen abgebrochen sein. Das Gesicht des Heiligen ist nur in sehr groben, knolligen Formen ausgebildet. Wittstock spricht von einer "durchschnittlichen Qualität"(58) der kunsthandwerklichen Gestaltung. Zahlrei

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che an der Kontur angebrachte Ösen ermöglichten die sichere Anbringung des Pilgerabzeichen an Hut oder Kleidung.
All das unterstreicht, daß Zeichen dieses Typs im Bereich der St. Joost- Kapelle in großer Zahl hergestellt und an die aus der Region kommenden Pilger verkauft worden sind. Die im 16. Jahrhundert noch vorhandene und auf Pergament geschriebene Urkunde von Papst Sixtus VI. sprach der Moorkapelle den Rang eines kirchlich anerkannten Wallfahrtsortes zu und hat sicherlich ihren Priestern das Recht zur Anfertigung von Wallfahrerzeichen gewährt.
Neben dem weit entfernten, nordfranzösischen St.Joose mit einer europaweiten Ausstrahlung konnte sich also die St. Joost-Kapelle im südlichen Hadeln als anerkannter Wallfahrtsort durchsetzen und einen Strom von Pilgern aus den umliegenden Regionen anziehen.
Im Inventar-Verzeichnis von 1568 werden auch zwei kleine Ampullen erwähnt. Solche Pilgerampullen gehörten zu den häufigsten Wallfahrtsdevotionalien des Mittelalters. Sie enthielten heilkräftige Flüssigkeiten und wurden durch Zusammendrücken der Halswandung verschlossen und mit Pech oder Wachs versiegelt.(59) Offenbar konnten die Pilger auch in St. Joost solche heilenden Öle oder duftende Balsame erwerben und nach der Rückkehr zugunsten der Gesundung von Freunden und Angehörigen anwenden.

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Es muß in St. Joost eine recht florierende Produktion von diversen Devotionalien für die Wallfahrer gegeben haben. Bei den Ausgrabungen entdeckte man im Fundamentbereich der Häuser eine Fülle von keramischen Objekten. Neben Küchengeräten und Spinnwirteln wurden auch Bruchstücke von Tonfiguren entdeckt, die als Andenken an die Pilger verkauft worden sind. Vollständig erhalten blieb eine Tonflöte in Form eines Vogels und ein Figürchen, das einen unbekleideten Knaben mit vollem Haarschmuck darstellt, der segnend die rechte Hand hebt und eine Kugel in der Linken trägt.
Diese Art der Darstellung des Jesuskindes hatte ihren Ursprung in der Spiritualität der Nonnen des Mittelalters, die solche Andachtsbilder zur innigen Verehrung des neugeborenen Heilands besaßen. Solche Holzfiguren stellten in der mystischen Frömmigkeit um 1300 eine Art von sakralem Spielzeug dar, das Anlaß für Visionen und tieffromme Dialoge zwischen der anbetenden Nonne und dem Jesuskind bot.(60) Die Verehrung des kindlichen Jesus in dieser Form ging dann über den Kreis der Nonnen hinaus. Die darin wurzelnde innige Spiritualität sprach vor allem Frauen an. Im 15. und 16. Jahrhundert waren Holzfiguren des stehenden und nackten Jesus, der seine


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Rechte segnend erhebt und in der Linken die Weltkugel trägt, in den Niederlanden und Deutschland beliebte Andachtsbilder. Die in St. Joost gefundenen Tonfiguren dieser Art kopieren diesen verbreiteten Figurentyp. Sie wurden in St. Joost hergestellt und werden vor allem von Pilgerinnen als Devotionalie gern erworben worden sein.(61)
Aus Ton gefertigte Arme und Hände mit einem mittigen Loch werden von Pilgern als Votivgaben mitgebracht worden oder vor Ort gekauft worden sein.(62) Es gab natürlich auch Pilger, die sich Votivgaben aus Edelmetall nicht leisten konnten.
In der Liste der 1568 der Lamstedter Kirche übergebenen Opfergaben wird auch "ein grot sulvernen bladt" erwähnt, "darup Sunte Jacob mit einer Kluß gesteken" war.(63) Es handelt sich wohl um eine silberne Platte, auf der eine Abbildung des Pilgerschutzherrn St. Jakobus mit einer Kirche eingraviert war. Sicher ein Dankgeschenk eines Santiago-Pilgers nach glücklicher Heimkehr. Auf zehn kleineren Silbertellern waren "hilgen bilder gesteken". Solche Silberteller mit gestochenen Heiligenbildern gab es im Spätmittelalter recht häufig. Sie wurden gern als Anhänger verwendet und man erwartete, daß sie wie ein Amulett dem Träger den Schutz des oder der Heiligen gewährten. Kunstvoll gearbeitete Silberscheiben mit Gravierung wurden auch in der katholischen Liturgie als sog. "Kusstafeln" verwendet. Zur Messfeier gehörte ursprünglich auch die rituelle Gewährung des "Friedenskusses" zwischen den Priestern und der Gemeinde.(64) Welche genaue Bedeutung die in St. Joost aufbewahrten Silberteller mit den Gravierungen hatten, muß offenbleiben.

Die St. Joost-Pilger kamen vorwiegend aus den Hansestädten an Nord- und Ostsee

Eine Reihe von Münzen, die im Bereich der Kapelle gefunden oder aufbewahrt wurden, geben einen Hinweis darauf, aus welchen Regionen die St. Joost-Pilger kamen. Im Jahre 1871 berichtet Candidat Zeidler nach einem Besuch des Kapellen-Geländes, er habe dort zwei alte Münzen gefunden.(65) Die eine trug auf der eine Seite den Bremer Schlüssel, auf der anderen kaum lesbar das Bild eines Bischofs oder Erzbischofs. Die zweite Münze hatte auf der Vorderseite die Umschrift "Civitas Wismariensis" und rückseitig "Civitas Magnopolis".(66) Sie ist im 14. oder 15. Jahrhundert in Wismar geprägt worden.
Der Ausgräber Willy Klenck fand 1932/33 fand im Haus eine Münze, die als "Witten von Malmö" identifiziert werden konnte. Wie bereits erwähnt gehört sie zu den sogenannten "Kreuzwitten" und wurde von Christoph von Bayern geprägt, der von 1439-1448 als König von Dänemark regierte.(67)
In der Inventar-Liste von 1568 werden drei der Lamstedter Kirche übergebene Münzen aufgeführt. An erster Stelle ein "sulverner Penningk des Bischoffes von Osnabrug", der 1516 gemünzt wurde. Zum zweiten eine nicht näher bezeichnete Münze, die einseitig geprägt und als Stüver erkennbar

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war. Das dritte war ein "gar alt Pennigk, up einer Halve ein Braunschweigischer Löwe".
Der von diesen Münzen erfaßte Zeitraum reicht von dem Kreuzwitten von Malmö um 1440 bis zum Bischofsmünze von Osnabrück von 1516. Geographisch beschreiben die Ursprungsorte der Geldstücke einen großen Kreis, dessen äußerste Punkte nördlich im dänischen Malmö, östlich in der Ostseestadt Wismar, südlich in Braunschweig und südwestlich in Osnabrück lagen. Da Münzen als Zahlungsmittel durch viele Hände wanderten, muß es keine Pilger aus Dänemark oder Osnabrück gegeben haben, die persönlich in St. Joost anbeteten. Dennoch geben die in der Kapelle einst vorhandenen Münzen den klaren Hinweis, daß der Einzugsbereich der Wallfahrtsstätte den Küstenbereich von Nord- und Ostsee abdeckte und von dort weit ins Binnenland hineinragte.
Eindeutige Auskunft über den Heimatort der Pilger geben die Lübecker Testamente. Im Jahre 1711 stellte der dortige Hauptpastor Jakob von Melle alle testamentarischen Verfügungen von Bürgern der Hansestadt zusammen, die Wallfahrten zu ausgewählten Heiligenorten zur Bestimmung hatten. Unter den 303 ausgewerteten Testamenten, die in der Zeit von 1350 bis 1484 ausgefertigt wurden, fanden sich 18, die St. Joost betrafen.(68) Der Stader

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Generalsuperintendent und Historiker Johann Hinrich Pratje kannte von Melles Veröffentlichung und brachte die Namen der Erblasser, die nach St. Joost wallfahren ließen, in seiner ersten Sammlung über die Herzogthümer Bremen und Verden im Jahre 1757.
Die Verbindung nach Hamburg wird durch die schon erwähnte Stiftung des Kelches durch Diedrich Hoopenstede und seiner Frau Söffeke unterstrichen.
Die Pilgerzeichen-Funde aus der Weser bei Bremen belegen, daß Bürger dieser Stadt ebenfalls St. Joost als ein geschätzes und nahe gelegenes Ziel für Wallfahrten aufsuchten.
Es spricht vieles dafür, daß es vor allem bürgerliche Stadtbewohner von Nord- und Ostsee waren, die nach St. Joost pilgerten. Hinweise auf den im Erzstift ansässigen Adel fehlen völlig. Die Stiftung des Kelches durch Hoppenstede und des Kreuzes durch Wiltschuffe setzen eine gewisse Wohlhabenheit voraus, die Namen sind gut niederdeutsch.
Daß es Stadtbewohner waren, die nach St. Joost kamen und dort nach ihren Bedürfnissen Häuser erbauten, betont auch Willy Klenck in seinem Ausgrabungsbericht der Jahre 1932/33: "Es braucht wohl kaum darauf hingewiesen zu werden, daß es sich bei den Häusern um ganz und gar "städtische" Gebäude handelte. Häuser aus Ziegelsteinen mit Pfannendächern gab es damals außer Kirchen und Klöstern nicht auf dem Lande. Aber höchst erstaunlich ist es doch, daß die Wohnungen in St. Joost schon Fußböden aus Brettern, Kachelöfen, glasierte Fliesen und Glasfenster, ja teils sogar von farbigem Glas gehabt haben in einer Zeit, als diese Einrichtungen nur in den vornehmsten Häusern der Stadt zu finden waren. ... Höchstwahrscheinlich haben auch Handwerker aus der Stadt nach St. Joost kommen müssen, denn Ofensetzer und Glaser dürfte es damals auf dem Lande noch nicht gegeben haben."(69)
St. Joost war demnach von seiner Gründung an eine Einrichtung des hansischen Bürgertums des Spätmittelalters. Die Kapelle und ihre priesterlichen Bewohner wurden durch die Opfergaben der städtischen Pilger erhalten. Für die von weit her gereisten Besucher, die hier Trost für die Seele und Heilung für den Leib suchten, standen verhältnismäßig komfortable Gästehäuser zur Verfügung.

Das Brot, das Stein geworden war

Wie sich die Bewohner der umliegenden dörflichen Kirchspiele zu St. Joost verhalten haben, kann weniger genau beschrieben werden. Immerhin wurde in Altenwalde 1477 auf Veranlassung des Kirchherren Harm Sandbecke von Goteke Kling ein Taufbecken gegossen. Als Inschrift wurden die Namen der Heiligen Anna, Katharina, Margaretha und Gertrud angebracht und hinzugefügt: "S.Jobst bidde vor uns".(70)
Pfarrer Sandbecke und andere Altenwalder Gemeindeglieder werden wohl die Moorkapelle aufgesucht, Gnadenwirkungen erfahren und durch die

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Anbringung der Inschrift auf dem Taufbecken seine segnende Kraft für ihr Gotteshaus und seine Besucher erbeten haben.
Kontakte zum Lamstedter Kirchspiel hat es sicher auch gegeben. Sie werden durch einen etwas sonderbaren Gegenstand auf dem Altar der Kapelle erkennbar. Zu den in der St. Joost-Kapelle vorgefundenen Gegenständen gehörte nämlich auch ein seltsamer Stein, von dem es in der Inventarliste von 1568 heißt: "Man findet bei Sancte Jostes Opfer einen runden braunlechtigen Stein, in der Form gleich als ein klein gebacken Brot, wie es die Hausleute auf den Dörfern zu backen pflegen. Wenn man das Brot vor sich liegen sieht, möchte einer wohl zum Höchsten schwören, es wäre ein recht natürlich und von Roggenmehl gebackenes Brot. Es ist unten an dem Boden ein wenig grau, als hätte es auf einen unreinen Herd gestanden und an der einen Seite ein wenig brockhaftig, als hätte es an einem anderen Brot im Ofen gestanden und wäre angebacken gewesen. Wenn man es aber anfaßt und in Hände nimmt und aufhebt, findet man der Schwerheit, daß es ein rechter natürlicher Stein ist."(71)
Zur Erklärung, warum ein solcher Stein neben den anderen kostbaren Opfer- und Votivgaben gelegen hätte, wird folgende Sage erzählt:(72)
"Ein Weib im Dorf Lamstedt hatte eines Tages einen Ofen voll Brot gebacken. Da sei aber noch ein anderes Weib gewesen, die an einigen Tagen nichts gegessen und fast verhungert gewesen sei. Die sei zu der Frau gegangen, die an diesem Tage gebacken hatte und habe sie um Gottes willen um ein Brot gebeten, daß sie essen und sich vor dem Hungertod erretten möchte. Das Weib habe ihr das Almosen versagt, die andere aber abermals und zum dritten um Christi willen gebeten, ihr ein klein Stück mitzuteilen.
Da fing das andere Weib an zu schwören, wenn sie Brot im Hause hätte, sollte Gott geben, daß es zu Stein würde. Daraufhin wäre die arme Frau hinweggegangen. Als hernach die Frau im Haus zur Mahlzeit Brot aus dem Kasten langen und mit ihrem Gesinde essen will, sei alles Brot darin eitel Stein gewesen.
Sie hätte darauf Gott um Gnade und Verzeihung angerufen und eines von den Brot in Sanct Joostes Kapelle geopfert. Das Brot aber wäre Stein geblieben".
So war für die Dorfbewohner St. Jodokus als Brotspender wichtig. Er konnte Mißernten verhindern und den Menschen zum täglichen Brot verhelfen. Ihnen war der Heilige vertraut, der neben Pilgerstab und Tasche in der hoch erhobenen Hand ein Brot zeigte. Eines durfte man allerdings nicht tun: Dem Armen seinen Anteil am Gottessegen verweigern. Dann würde alles zu Stein werden.

Das Ende von St. Joost kam mit Martin Luther und seiner Reformation

Die kirchliche Erneuerungsbewegung des 16. Jahrhunderts erreichte im Norden zunächst die Städte. In Bremen und Hamburg wurden evangelische Prediger und Kirchenordnungen in den Jahren zwischen 1521 und 1530 eingeführt. Frühe protestantische Einflüsse sind im Land Wursten und

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Hadeln auch in diesen Jahren schon erkennbar. Im Erzstift Bremen behinderte der am alten Kirchenwesen festhaltende Erzbischof Christoph alle Veränderungen, konnte aber den Glaubenswandel nicht aufhalten.
Die Veränderungen trafen vor allem die Klöster, deren Insassen freiwillig oder von außen genötigt ihr Leben als Mönche oder Nonnen aufgaben. Aber auch das bis zur Reformation so lebendige Pilgerwesen fand in den evangelisch gewordenen Gebieten nun schnell ein Ende. Martin Luther zitiert in einer Predigt "Von Sant Jacob, dem munteren und heiligen Zwölfboten", die er in Wittenberg 1522 hielt, den damals beliebten Spruch "Wer da geht zu St.Jacob in Compostell und tritt in die Capell, fährt nicht in die Höll". Da für Luther solche menschlichen Verdienste und frommen Leistungen vor Gott ohne Wert waren und es ihm nur auf die durch Christus erworbene Gnade und Vergebung ankam, lehnte er alles Wallfahren entschieden ab und führte aus: "Hat aber jemand ein Gelübde getan, zu St.Jacob zu reisen oder an andere Orte, so laß es hinfahren. Doch sollst du solch ein närrisch und ungöttlich Gelübde bereuen und Gott um Gnade bitten, daß er dir solch Unwissenheit und Unglauben wolle verzeihen".(73) Damit hatte er auch dem Pilgerwesen zu St. Joost einen tödlichen Stoß versetzt. Innerhalb einer einzigen Generation sank die Besucherzahl zur Moorkapelle so stark ab, daß sich die Priester und ihre Mitarbeiter nicht mehr erhalten konnten. Die Kapelle verfiel daraufhin und mußte auf Anordnung des Erzbischofs Christoph - also noch vor 1558 - abgerissen werden.
Das Inventar wurde auf die umliegenden Kirchen verteilt. Eine aus Holz gearbeitete Kreuzigungsgruppe aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts kam nach Bülkau, ein gotischer Kruzifixus - auch eine Holzplastik - aus der Zeit um 1400 gelangte in die Odisheimer Kirche, die auch St. Jodokus als Schutzheiligen übernahm und ihr Siegel entsprechend gestalten ließ. Die Glocke der Wallfahrtsstätte wurde vom Landesherrn in Anspruch genommen und befand sich längere Zeit im Schloß der Herzöge von Sachsen-Lauenburg in Otterndorf, ist aber nicht mehr vorhanden.(74) In der Scherderschen Chronik des Landes Hadeln heißt es, der größte Teil des "Kirchenschmuckes nebst den heiligen Gefäßen und Sanct Jobst Bild" wären in die Lamstedter Kirche gebracht worden.(75) Die Figur des St. Jodokus fand dort eine neue Aufstellung, der Kelch wurde bei den Abendmahlsfeiern gebraucht.
Nun machte die Lamstedter Kirche während des Dreißigjährigen Krieges, insbesondere in den Jahren 1641-1649, eine schlimme Zeit durch. Zunächst verfiel das Dach und mußte neu eingedeckt werden. 1645 zogen Soldaten plündernd durch Lamstedt. Im Jahre 1648 hat ein Windstoß den baufälligen Glockenturm auf das Kirchendach geworfen, das ganz zerschmettert wurde und für 48 Thaler repariert werden mußte. Im Jahre 1649 heißt es in den Kirchenrechnungen: "Eine Schrankthür, so bei dem Einfall der Soldaten in der Kirchen entzwei geschlagen - wieder zu machen geben".(76) Wenn die aus St. Joost stammenden Geräte, Bilder und Opfergaben nicht bereits durch den Verfall der Kirche zerstört und entwendet wurden, so sind sie sicher den Plünderungen zum Opfer gefallen. Nur der Kelch blieb erhalten und gehört noch heute zu den "Vasa Sacra" der Lamstedter Kirchengemeinde.

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Der Brauch des Pilgerns wurde in allen evangelischen Gebieten aufgegeben. Er brachte keine Verdienste vor Gott ein und hielt auch den Christen von einem arbeitsamen und pflichtbewußten Leben ab. Als Idee blieb die Pilgerschaft lebendig. Adolf Friedrich Lampe, damals reformierter Prediger in Bremen, schrieb 1719 den Text eines vielgesungenen Kirchenliedes, in dem es heißt:(77)

Mein Leben ist ein Pilgrimstand,
ich reise nach dem Vaterland,
nach dem Jerusalem, das droben.
Der Sonne Glanz mir oft gebricht,
der Sonne, die mit Gnadenlicht,
in unverfälschte Herzen strahlet;
Wind, Regen stürmen auf mich zu,
mein matter Geist findt nirgends Ruh;
doch alle Müh ist schon bezahlet,
wenn ich das güldne Himmelstor
mir stell in Glaub und Hoffnung vor.

Die Pilgerschaft des Lebens wird nur noch allegorisch und geistlich verstanden. Das einzige Ziel ist die himmlische Herrlichkeit. Jesus Christus, "der du ein Pilgrim worden bist" soll mit seinem Wort dem Frommen die rechten Schritte zum Heil zeigen.
So endet mit einer blassen poetischen Denkfigur die Epoche der Wallfahrer, die einst so gläubig, opferbereit und lebensvoll über Europas Straßen zogen und der Moorkapelle St. Joost eine 200jährige Blütezeit bescherten.

Anmerkungen

1. Arnold Dock: Die Kapelle St. Joost, in: Jb.d.M.v.M 23 (1926/27 u.1927/28), S.39-48; W. Klenck,, Nachrichten über den Wallfahrtsort St. Joost im Lande Handeln, in: Jb.d.M.v.M. 26 (1932/33 und 1933/34) S.34-70.
2. Inventarium St.Jostes Opfers in der Kirchen zum Lamstedt, Fundort: Nieders.Staatsarchiv Stade,Rep.105b, Fach 75, Nr. 86a.
3. Bernd Thier: "godes denest buten lande" - Die Pilgerdarstellung des Oldenburger Sachsenspiegels im Lichte archäologischer Hinweise zur Wallfahrt nach Santiago de Compostela. Ausstellungskatalog "Aus dem Leben gegriffen - ein Rechtsbuch spiegelt seine Zeit", hrsg. Mamoun Fansa, Oldenburg 1995..
4. "Wer daz elend bauen will" München Bay.Staatsbibliothek cgm 809 (15.Jahrh.) Camino de Santiago, Musik auf dem Pilgerweg zum Heiligen Jacobus. CD 74530, Christophorus Verlag 1988.
5. Klaus Herbers: Der Jakobsweg - mit einem mittelalterlichen Pilgerführer unterwegs nach Santiago de Compostela, Tübingen 1991. S.85-160; Norbert Ohler: Reisen im Mittelalter, München/Zürich 1986.
6. Hermann Schreiber: Bretagne - Das Land, die Menschen, die Geschichte. München/Zürich 1998, S.99-125.
7. Trier, Der heilige Jodokus. Sein Leben und seine Verehrung. Breslau 1924, Reprint 1977, S.3ff.

Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 77/78, 1998/99, S. 118.

8. Die Vita des Heiligen Jodokus nach dem Bericht des Anonymus. Text bei TRIER (wie Anm.7). S.20ff. Trier bringt die Jodokus-Vita in der lateinischen Originalversion. Übersetzung in den folgenden Textauszügen vom Verfasser.
9. Ebenda, S. 76.
10. Ebenda, S. 26.
11. Epheser 6, 10-17.
12. Trier (wie Anm. 7), S. 24.
13. Ebenda, S. 24f..
14. Ebenda, S. 30.
15. Ebenda, S. 113.
16. Ebenda, S. 101f. Siechenhäuser unter dem Jodokus-Patronat gab es in Trier, St.Goar, Marburg, St.Jobst bei Nürnberg, Schaffhausen und Rüti.
17. Trier (wie Anm. 7), S. 79f.
18. Klenck (wie Anm. 1), S. 36.
19. Trier (wie Anm. 7), S.162.
20. Beda der Ehrwürdige, Kirchengeschichte des englischen Volkes. I,17. Hrsg. Günter Spitzbart, Lateinische Originalversion mit deutscher Übersetzung. Darmstadt 1997. S.63f. Vgl. auch Adam von Bremen, Hamburgische Kirchengeschichte I,42: Der Hl.Rimbert beschwichtigt einen Sturm bei der Überfahrt nach Schweden.
21. Johann Hinrich Pratje, Vermischte Historische Sammlungen Bd. 1, Bremen 1742, S.259.
22. Trier (wie Anm. 7),S. 203.
23. Wilhelm Gilly: Mittelalterliche Kirchen und Kapellen im Oldenburger Land, Oldenburg 1992. S.140.
24. In der umfassendsten Darstellung der St.Jodokus-Verehrung von Jost Trier aus dem Jahre 1924, die 1977 als Reprint nachgedruckt wurde, kommt die Wallfahrtskapelle zwischen Odisheim und Stinstedt auffallenderweise überhaupt nicht vor.
25. Dock (wie Anm. 1), S. 46.
26. Michael Eberhard Iba: Hake Betken sein Duven, Sagenbuch, Bremerhaven 1988, S. 124; Dock (wie Anm. 1,)S. 43. Der Autor zitiert eine Sagenfassung aus dem Jahre 1925, die in der Neuhaus-Ostener-Zeitung veröffentlicht worden war.
27. Genesis 28, 17.
28. Arnold Angenendt: Heilige und Reliquien, München 1994, S. 136.
29. Carl Spichal: Ein wiederaufgefundenes Missale der Augustinerchorherren von Marienkamp,in: Jahrbuch der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer, Bd. 43, Emden 1963, S.79.
30. Claudia Lichte: Die Inszenierung einer Wallfahrt. Der Lettner im Havelberger Dom und das Wilsnacker Wunderblut, Worms 1990..
31. Klenck (wie Anm. 1), S. 44.
32. Inventarium (wie Anm. 2).
33. Eine interessante Parallele zur Gründung einer Jodokus-Pilgerstätte im Norden ist die Errichtung der St.Jost- Kapelle am Bürgenberg im schweizerischen Dekanat Luzern im Jahre 1342 . Die intensive St. Joost-Verehrung um den Bodensee und in der Schweiz legte eine Pilgerschaft nach St.Josse nahe. Sie muß aber für mache viel zu beschwerlich und weit erscheinen sein. Die Kapelle am Bürgenberg erhielt 1346 einen päpstlichen Ablaßbrief, im Jahre 1388 wurden erneut Ablässe gewährt. Um 1500 setzte ein lebhafte Bautätigkeit ein, noch im 17.Jahhundert gab es zahlreiche Wallfahrten zu dieser St.Jost-Kapelle. Vgl. Trier (wie Anm. 7), S. 189.

Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 77/78, 1998/99, S. 119.

34. Pratje(wie Anm. 21), S. 259.
35. Ein Dirik Hoppenstede taucht in den Rentenbüchern der Stadt Hamburg zwischen 1484 und 1490 auf. Er besaß ein Haus an der Neuenburg im Kirchspiel Nikolai. Seine Frau Soffeke war in erster Ehe mit Hinrich Nigemeyer verheiratet, mit dem sie einen Sohn Merten gezeugt hatte. Dirik und sein Bruder Hinrick waren nach den vorliegenden Angaben offenbar wohlhabende Bürger. Frdl.Mitteilung Dr.Lorenzen-Schmidt, Staatsarchiv Hamburg.
36. Inventarium (wie Anm. 2).
37. Angenendt (wie Anm. 28), S. 209f.
38. Norbert Ohler: Zur Seligkeit und zum Troste meiner Seelen . Lübecker unterwegs zu mittelalterlichen Wallfahrtsstätten, in: Zschr. d. Vereins für lüb. Gesch. 63, 1983, S.87.
39. Ebenda, S. 86.
40. Der Heidelberger Katechismus, Jubiläumsausgabe 1563-1963, Detmold/Leer 1963, S.1.
41. Scherder: Chronik des Landes Hadeln, Otterndorf 1843, S.110f.
42. Im schweizerischen Unterwalden galt St. Joost eigenartigerweise als Helfer von unverheirateten Mädchen, die einen Ehemann suchten. Ein volkstümlicher Reim ging so:
"Bettels Brest zum helge Jost
So kriegts no zletzt en Ma zem Trost"
Vgl. TRIER (wie Anm. 7), S.192. Der Reim von Joost auf Trost war wohl sehr naheliegend.
43. Elke Weiberg zitiert in dem Abschnitt über St. Joost in ihrer Arbeit "Das Niederkirchenwesen in der Erzdiözese Bremen" (Stade 1990) S.113 das genannte Protokoll von 1475 ausführlich und kommentiert: "Aus der Bezeichnung "to dem troste" sieht man, daß in späterer Zeit mit dem Namen St. Joost nichts mehr verbunden wurde". Diese Einschätzung ist sicher falsch. In den Berichten über die Kapelle wird stets respektvoll betont, daß sie "Sünte Joost" geweiht war. Man kannte sich mit seiner Legende, seinen Gnadenwirkungen und der Herkunft der Pilger gut aus. Man wußte um das Jodokus-Patronat und sagte mit der im Lande Hadeln offenbar volkstümlichen Bezeichung "tho dem troste" aus, daß von diesem Ort heilsame und trostreiche Wirkungen ausgingen.
44. Trier (wie Anm. 7), S.79.
45. Inventarium (wie Anm. 2).
46. Scherder, Chronik von 1843(wie Anm. 41), S.142.
47. Inventarium (wie Anm. 2). Daß St. Joost eine Kirche auf dem Arm mit sich führt, ist nach der mittelalterlichen Ikonographie der Hinweis darauf, daß er in Ponthieu zusammen mit Graf Haymo die St.Martins-Kirche gegründet und mit Reliquien versehen hatte.
48. Anton Legner: Reliquien in Kunst und Kult, Darmstadt 1955, Tafel aus dem Bildzyklus der Severinsvita in Köln, nach S.24.
49. Angenendt (wie Anm. 28), S. 209f.
50. Klenck (wie Anm. 1), S. 52.
51. Inventarium (wie Anm. 2).
52. Klenck (wie Anm. 1), S.41.
53. Inventarium (wie Anm. 2).
54. Harry Kühnel: Alltag im Spätmittelalter, Graz/Wien/Köln 1984. Darin: Frömmigkeit ohne Grenzen?, S.92 ff. Zu den Pilgerzeichen vgl. S.104-106.

Jahrbuch der Männer vom Morgenstern 77/78, 1998/99, S. 120.

55. Isa Fleischmann: Metallschnitt und Teigdruck. Technik und Entstehung zur Zeit des frühen Buchdrucks, Mainz 1998, S. 86.
56. Andreas Haasis-Berner, St.Jodokus in Konstanz - zu einem neugefundenen Pilgerzeichen, Freiburg 1997 (Beitrag erschien im Internet).
57. Das Foto wurde von Klenck für die Veröffentlichung im Jahrbuch der Männer vom Morgenstern (Vgl.Anm.1) verwendet.
58. Jürgen Wittstock: Pilgerzeichen und andere Wallfahrtsdevotionalien in Norddeutschland, in: Aus dem Alltag der mittelalterlichen Stadt = Ausstellungshandbuch des Bremer Landesmuseums 1982/83. S. 196.
59. Ebenda, S.199.
60. Ulinka Rublack: Female Spirituality and the Infant Jesus in Late Medieval Dominican Convents, in: Bob Sribner and Trevor Johnson (ed.), Popular Religion in Germany and Central Europe 1400-1800. New York 1996, S. 16-37; Lexikon der christlichen Ikonographie 1970, Artikel Jesuskind, Bd. 2. S.402..
61. Johannes Göhler: Das Tonfigürchen des Jesuskindes von St.Joost, in: Niederdeutsches Heimatblatt Dez.1998, Nr.588, S.1.f.
62. Bernd Thier:Die spätmittelalterliche und neuzeitliche Keramik des Elbe-Weser-Mündungsgebietes, Münster 1993 S. 297.
63. Thier (wie Anm.7), S.300.
64. Freundliche Mitteilung von Dr.Isa Fleischmann, Oberursel. Vgl. auch Johann Michael Fritz: Gestochene Bilder. Gravierungen auf Goldschmiedearbeiten der Spätgotik, Köln/Graz 1966.
65. Zeidler, Die Börde Lamstedt, in: Stader Archiv 4 (1871), hier S. 298.
66. Wismar verfügte seit 1359 über das Münzrecht und übte dies auch aus. Die lange Zeit typische Umschrift auf den Münzen lautet auf der Vorderseite "CIVITAS MAGNOPOLENSIS" und auf der Rückseite "MONETA WISMARIENSIS". Die Bezeichung "magnopolensis" steht für "mecklenburgisch". Frdl.Mitteilung von Dr. Torsten Fried, Staatliches Münzkabinett Schwerin. Daß Zeidler auf der Rückseite statt "moneta wismariensis" noch einmal "civitas" wie auf der Vorderseite las, wiederspricht dem gängigen numismatischen Befund der mecklenburgischen Münzen. Ich nehme an, daß die Angabe Zeidlers in diesem Punkt auf einem Lesefehler bei der korrodierten Fundmünze beruhen wird.
67. Klenck (wie Anm. 1), S.44.
68. Ohler, (Anm.5) S.96-97. Ohler läßt sämtliche St.Jodokus-Wallfahrer nach Frankreich pilgern, obwohl in den testamentarischen Anordnungen eindeutig ein Ort bei Bremen als Ziel der Reise genannt wird. Lorenz Utryder bestimmt 1486 "Item begere ich einer Reyse to Sunte Juste, by Bremen". Hermann Beke trägt zum Bau von "sunte Joeste, uppe jene syden by Bremen" 1484 eine Mark bei.
69. Klenck (wie Anm. 1), S.52.
70. Scherder: Chronik (wie Anm. 41), S.112.
71. Inventarium (wie Anm. 2).
72. Ebenda.
73. Zitiert bei Bodo Heyne: Von den Hansestädten nach Santiago. Die große Wallfahrt des Mittelalters, in: Brem. Jb.52 (1972), S.65-84, hier S.83.
74. Scherder: Chronik (wie Anm. 41), S. 221.
75. Ebenda, S.220.
76. Zeidler (wie Anm. 62), S. 332-333.
77. Evangelisches Gesangbuch, Ausgabe für die Ev.-ref.Kirche 1995: Nr. 689.